Den Kapitalismus mit den eigenen Waffen schlagen?
Selbstorganisiert, vielfältig, solidarisch: In einer blauen Gründerzeitvilla in Alt-Godesberg wird über innovative Wohnformen nicht nur geredet, sie werden gelebt. Wie genau das funktionieren kann, berichten uns Jo und Luna vom Hausprojekt Wolkenburg im Interview.
1. Im März habt ihr mit eurem Verein Wolkenburg e.V. euer eigenes Haus gekauft, herzlichen Glückwunsch! Wie laufen die Renovierungsarbeiten?
Vielen Dank! Ohne die vielfältige Unterstützung durch Freund*innen, Familie, Bekannte und Direktkreditgeber*innen wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Deswegen freuen wir uns sehr, dass uns so viele Leute unterstützen und wir nun nach drei Jahren Planung und Arbeit das Haus im März endlich kaufen konnten. Damit haben wir es geschafft, unser Ziel zu erfüllen, ein Haus dem kapitalistischen Wohnungsmarkt zu entziehen. Es wird nicht mehr möglich sein, das Haus für Spekulationen oder als Geldanlage zu verwenden oder Profite aus der Miete zu schöpfen. Schließlich sind Immobilien keine Ware, sondern das Zuhause von Menschen und sollten als solches respektiert werden. Jetzt sind wir dabei, das Haus bewohnbar zu machen. An den ersten Rückbauarbeiten arbeiten wir bereits in Eigenleistung - Tapeten, Fliesen, marode Wände, usw. entfernen, aber auch z.B. Deckenabhängungen abbauen, um sie wiederzuverwenden. Auch eine Werkstatt ist eingerichtet und dabei zu wachsen. Ende des Sommers beginnen dann die größeren Bauarbeiten, wie die Dämmung des Daches und andere Sanierungen. Unser Plan sieht möglichst effiziente energetische Sanierungsmaßnahmen vor. Aber: Besser geht immer - und teure Überraschungen sind bei Altbausanierungen nicht unüblich. Deshalb sind wir auch weiterhin auf Direktkredite von Menschen angewiesen, die unser Projekt finanziell unterstützen wollen und können.
2. Warum habt ihr das Haus als Verein und zusammen mit dem Mietshäuser Syndikat gekauft? Ist das nicht ziemlich kompliziert?
Wir haben uns entschieden, Teil des Mietshäuser Syndikats (MHS) zu werden, um sicherzustellen, dass das Haus auch in ferner Zukunft nicht verkauft wird. Das Konzept des MHS garantiert, dass das Projekt unabhängig von uns als Personen bestehend bleibt und die Mieten nicht willkürlich erhöht werden. Der Prozess, eine Immobilie zu kaufen, ist an sich schon sehr kompliziert. Vor allem, wenn dann noch eine größere Renovierung ansteht. Da ist es sehr hilfreich, das MHS beratend an unserer Seite zu haben. Schließlich wurden seit der Entstehung des MHS in den 80er Jahren bereits 201 Hausprojekte realisiert. Aber klar, Verein & Co. sind zusätzliche bürokratische Hürden, die eine Privatperson nicht bräuchte.
3. Ihr sprecht die Miethöhe an, was in Bonn ja für viele Menschen ein großes Problem ist. Könnt ihr bei eurem Projekt sicherstellen, dass die Mieten für die Bewohner*innen dauerhaft bezahlbar bleiben?
Gerade weil die Mieten in den letzten Jahren stetig gestiegen sind, wollen wir dauerhaft bezahlbaren Wohnraum in Bonn schaffen. Ein Anliegen, das uns auch immer wieder vor Herausforderungen stellt. Denn auch wir agieren natürlich nicht losgelöst von kapitalistischen Marktlogiken und der Grundpreis pro Quadratmeter ist abhängig von vielen Faktoren. So haben Zinsentwicklungen, Baustoffpreise, aber auch ungeplante Ereignisse während der Bauphase einen entscheidenden Einfluss auf den zukünftigen Mietpreis. Ein entscheidender Punkt ist aber, dass die Wolkenburg keine Wohngesellschaft ist, die darauf aus ist, Profite mit Mieten zu machen. Mit den Mietkosten werden vor allem die Kredite abbezahlt, die für den Hauskauf und die Sanierung nötig sind. Dadurch bleiben unsere Mieten stabil. Im Verhältnis zum steigenden Mietspiegel bleibt der Wohnraum bezahlbar. Außerdem bieten sich uns als selbstverwaltetem Hausprojekt Spielräume bei der Frage danach, wie hoch die Mieten der einzelnen Bewohner*innen sein werden. Solidarische Lösungen könnten beispielsweise beinhalten, die Lage und Ausstattung eines Zimmers oder das individuelle Einkommen bei der Verteilung der Mietkosten berücksichtigen.
4. Auf eurer Seite wolkenburg-bonn.de schreibt ihr, dass ihr den Kapitalismus mit den eigenen Waffen schlagen wollt. Wie ist das gemeint?
Am liebsten würden wir den Kapitalismus gleich als Ganzes abschaffen. Aber solange das System so bleibt, wie es ist, wird es immer wieder dazu kommen, dass Profitinteressen Einzelner über das Wohl der Allgemeinheit gestellt werden. Einige der "Waffen des Kapitalismus", die es ermöglichen, Profite gegen die Interessen der Vielen durchzusetzen, können wir uns aneignen, umwandeln und für eine gerechtere Gesellschaft einsetzen. So macht sich das Modell des Mietshäuser Syndikats kapitalistische Prinzipien zueigen, um Häuser dem spekulativen und profitorientierten Wohnungsmarkt zu entziehen. Ein konkretes Beispiel ist der Kauf des Hauses als GmbH. Entgegen ihrer üblichen Verwendung bietet diese Rechtsform für Kapitalgesellschaften die Möglichkeit, sicherzustellen, dass das Haus niemals wieder zurück auf den Immobilienmarkt kommt. Auch wir könnten das Haus später nicht mehr verkaufen, würden wir unsere Haltung und Ideale ändern. Damit ist sichergestellt, dass das Haus dauerhaft durch sozialverträgliche Mieten bewohnbar bleibt.
5. Wenn ihr auf eure bisherigen Erfahrungen als Hausgemeinschaft zurückblickt – würdet ihr dann auch anderen so ein Projekt zur Nachahmung empfehlen?
Definitiv! Die Aussicht, selbstbestimmt, selbstverwaltet und selbstorganisiert wohnen zu können, treibt uns an. Wir können unabhängig von Vermieter*innen entscheiden, wie und wann Renovierungen stattfinden, wie wir die Zimmeraufteilung gestalten und das Zusammenleben organisieren. Diese Freiheit schätzen wir sehr. Allerdings braucht es viel Arbeit und einen langen Atem, so ein Projekt zu stemmen. Da kommt es auch mal zu Konflikten und Rückschlägen. Darauf muss sich eine Gruppe einstellen. Wir sehen genau darin einen bereichernden Aspekt - denn wir können als Gruppe an den gemeinsam bewältigten Krisen wachsen. Nach einem Tiefpunkt kam auch immer ein Hoch, das uns gestärkt hat. Zurzeit leben wir leider noch nicht alle gemeinsam in einer Hausgemeinschaft. Wir sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten zum Projekt dazugestoßen und haben entsprechend unterschiedliche Phasen miterlebt und -gestaltet. Alle bringen unterschiedliche Standpunkte und Perspektiven ein, wodurch die Wolkenburg vielfältig geformt wird. Wir sind auch noch auf der Suche nach Menschen, die Lust und Zeit haben, sich einzubringen, bei der Sanierung zu helfen und - wenn es für beide Seiten passt - auch einzuziehen. Interessierte können uns gerne unter wolkenburg-bonn@posteo.de anschreiben.
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Städtisches Geld für solidarisches Wohnen
Die Wolkenburg ist nicht das einzige alternative Wohnprojekt in Bonn: Auch z.B. SieMensch in Dransdorf, das Hausprojekt Krausfeld und das Eckhaus Syndikat in der Altstadt funktionieren nach ähnlichen Prinzipien. Da es in Bonn massiv an bezahlbarem Wohnraum fehlt, profitiert auch die Stadt von diesen Projekten, durch die günstiger Wohnraum dauerhaft gesichert wird.
Im Juli wurde deshalb auf unsere Initiative vom Sozialausschuss des Stadtrats beschlossen, dass die Stadt für Projekte des Mietshäuser Syndikats (und andere vergleichbare Vorhaben) ein Förderprogramm auflegt. Als Fördersumme haben wir für den Regelfall einen einmaligen, nicht rückzahlbaren Zuschuss von 10.000 Euro pro Projekt festgelegt.
Bildrechte: Hausprojekt Wolkenburg



